Virtueller Mord

Mit Hilfe des Internets können alle möglichen Straftaten begangen werden. Eigentlich, so liest man zum Teil, gäbe es keine “klassische” Straftat, die sich nicht auch mit Hilfe des Internet verwirklichen ließe. Als Paradebeispiel wird dann oft der “virtuelle Mord” genannt.

Abgesehen davon, dass der Mord in der Regel sehr real und nur die Tötungsmethode virtuell ausgeführt wird (Ausnahmen bestätigen die Regel), scheinen viele Fälle eher zweifelhaft. Da gibt es zum Beispiel die Kontaktanbahnung über das Internet mit anschließendem echten Treffen. Mit “virtuellem Mord” hat dieser modus operandi allerdings ebenso viel zu tun wie bei den Fällen, bei denen das Internet lediglich irgendeine Rolle für das Motiv des Täters spielt. Über Fälle, bei denen die Tötung tatsächlich über das Internet vollzogen wird, liest man hingegen eher selten.

Ein Beispiel, das von Zeit zu Zeit genannt wird, ist der Zugriff auf lebenserhaltende Systeme im Krankenhaus. So soll das Oberhaupt einer italienischen kriminellen Gruppe mit einer Schusswunde in ein Krankenhaus eingeliefert worden sein. In der Nacht sollen sich seine Gegner elektronisch Zugang zu dem Rechner verschafft haben, der die Medikamention des Patienten steuert. Dort, so wird berichtet, haben seine Gegner die Zusammensetzung der Injektion verändert und – nachdem der Gangsterboß daran verstorben war – alles wieder auf die Ursprungswerte zurückgesetzt, um ihre Spuren zu verwischen.

Dieser Fall klingt allerdings zu “gut”, um wahr zu sein. Zwar, das zeigt Stuxnet, ist ein Zugriff auf industrielle Steuerungsanlagen tatsächlich möglich. Nach glaubwürdigen Aussagen passiert das auch nicht wirklich selten. Grundsätzlich erscheint es daher nicht ausgeschlossen, dass auch Krankenhauscomputer angegriffen und die darüber gesteuerten Instrumente manipuliert werden.

Meist steckt jedoch ein großer Aufwand hinter solchen Angriffen. Zudem benötigt auch ein guter Programmierer in der Regel viel Zeit, um derartige Attacken vorzubereiten. Dass nun eine italienische Mafia (?) Gruppierung innerhalb von 24 Stunden in ein Krankenhaussystem eindringt, dieses zufälligerweise auch noch für die Medikamention des Gesuchten verantwortlich ist, es sich gerade so manipulieren lässt, dass die Dosis letal wirken kann, alles so durchgeführt wird, dass andere lebensüberwachende Instrumente nicht anschlagen und das Ableben nicht rechtzeitig bemerkt wird und die Geschichte später von einer Zeitung nebenbei berichtet werden kann (übrigens ohne weitere Quellenangabe), erscheint in der Summe doch etwas zu viel. Insbesondere erscheint es nicht schlüssig, dass, wenn es lediglich auf das schnelle Ableben des Mafia-Bosses ankommt, nicht einfach ein ganz einfacher Mord, etwa durch Erschießen im Krankenhaus, in Auftrag gegeben wird, statt sich aufwändig in Hacking-Manövern zu verstricken.

Gleichwohl besteht die grundsätzliche Gefahr, dass derartige Taten zukünftig zu beobachten sein werden. Wahrscheinlicher erscheint allerdings, dass Hacker möglicherweise gar nicht erkennen, wo sie gelandet sind und eher aus Versehen als mit Absicht Patienten vom Leben zum Tod befördern. Fälle, bei denen Angreifer unabsichtlich auf schlecht gesicherten Krankenhausrechnern gelandet sind, wurden jedenfalls schon glaubhaft geschildert.

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